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von der Wiige bis zum Graab

vertonte Gedichte von Adolf Wölfli und selten aufgeführte Vokalmusik der letzten 100 Jahre
6. – 8. November 2020

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Programm

Per Nørgård: Musik zu Texten von Adolf Wölfli
Wiigenlied
Trauermarsch mit einem Unglücksfall
Abendlied
Halleluja der Herr ist verrückt

Jonas Marti (*1992, Basel): Neues Werk zu Texten von Adolf Wölfli
Titel folgt

John Cage
Story

Jackson Mac Low
Young turtle Asymmetries (schweizer Erstaufführung)

Pelle Gudmundsen-Holmgreen
Song (schweizer Erstaufführung)

Arnold Schönberg
Friede auf Erden

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Mitwirkende

Junger Kammerchor Basel

Jonas Marti Komposition
Tobias Stückelberger Künstlerische Leitung

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Zum Programm

1908 begann Adolf Wölfli mit einer Erzählung, die er „von der Wiige bis zum Graab“ betitelte.
Auf beinahe 3000 dicht beschriebenen Seiten entstanden Geschichten, Reiseberichte,
Gedichte, Bilder und Kompositionen. Wölfli, der ab seinem 21. Lebensjahr bis zu seinem Tod
in der Nervenheilanstalt Waldau lebte, gilt heute als einer der wichtigsten Vertreter der Art
Brut.

Aus dem extrem umfangreichen, teilweise autobiographischen und auto-fiktionalen Werk
Wölflis werden wir uns in diesem Projekt vor allem mit seinen Gedichten befassen.
Die oftmals lautmalerischen Verse sind in einer Mischung aus Dialekt und Hochdeutsch
verfasst und scheinen teilweise Imitationen von Volksliedern zu sein. Wölfli bezeichnet sie
oftmals als „Mazurka“ oder „Marsch“ und unterschreibt mit „Componist“ oder
„Musikkdirektohr“.

Das Zentrum unseres Programmes bilden neue Kompositionen, die Jonas Marti auf Texte
von Adolf Wölfli verfassen wird. Ergänzt werden diese durch Wölfli-Vertonungen von Per
Nørgård und passende selten aufgeführte Chormusik des 20. und 21. Jahrhunderts. So
schaffen wir ein Konzerterlebnis, das einer Zeichnung Wölflis gleichen soll: Ein buntes
Wimmelbild, in dem das Spielerische, beinahe Kindliche auf akribische Präzision trifft, eine
Mischung aus Geschichten, Musik, Gesichtern und Verzierungen.

In den 80er Jahren beschäftigte sich der hierzulande leider sehr selten aufgeführte Dänische
Komponist Per Nørgård intensiv mit dem Werk Wölflis. Wir bringen einige seiner
Vertonungen zur Aufführung, die er in seinem Zyklus „Wie ein Kind“ und in seiner Wölfli-Oper
„Der Göttliche Tivoli“ veröffentlichte.

Der ebenfalls aus Dänemark stammende Komponist Pelle Gudmundsen-Holmgreen
komponierte 2010 das Stück „Song“, eine Dekonstruktion des Dowland-Lieds „Flow my
Tears“. Hier werden einzelne Bruchstücke, Silben oder nur bestimmte Konsonanten des
Originals neu zusammengesetzt und so eine neue Dramaturgie geschaffen. Ähnlich wie bei
Wölflis Texten spielt hier das Lautmalerische eine grosse Rolle und immer wieder erhascht
man aus der Geräuschkulisse kurze Phrasen und Akkorde, bis sich das Original schliesslich
in einem überraschend neuen Gewand entpuppt. Das Stück wurde für Paul Hillier und
„Theater of Voices“ geschrieben, dies ist die Schweizer Erstaufführung.

Ebenfalls eine Schweizer Erstaufführung ist das aleatorisch komponierte Stück „Young Turtle
Asymmetries“ des Cage-Freundes Jackson Mac Low. Das Werk ist für 5 Sprecher, die auch
Blasinstrumente spielen dürfen und der Text basiert auf einer Bildbeschreibung aus einer
wissenschaftlichen Zeitschrift. Auch hier lässt sich eine Verbindung zu Wölfli herstellen, der
sich oftmals als „Naturforscher“ bezeichnete und seine Entdeckungen auf sehr poetische Art
und Weise präsentierte. Das Stück wird ergänzt durch „Story“ von John Cage aus seiner
bekannten „Living Room Music“.

Zuguterletzt präsentieren wir noch einen Meilenstein in der europäischen Chormusik: Arnold
Schönbergs „Friede auf Erden“. Das Stück wurde 1907 komponiert und 1911 uraufgeführt –
im exakt selben Zeitraum, in dem Adolf Wölfli sein Werk „von der Wiige bis zum Graab“
niederschrieb. Die beiden sind sich mit der grössten Wahrscheinlichkeit nie begegnet, doch
wäre es hochinteressant gewesen, einem Treffen mit dem 34-jährigen Schönberg und dem
44-jährigen Wölfli beizuwohnen. Beide waren gerade gewissermassen an der Erfindung
einer neuen Sprache beteiligt. Hätten sie wohl etwas miteinander anfangen können?

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